Experiment

13.9.Sonntag:

Mein lieber H.,

was ist in dieser Woche nur mit mir geschehen?

Da war dieses Gespräch mit V., und etwas in mir, das ich so lange eingeschlossen hielt, begann sich zu regen. Als hätte jemand an eine Tür geklopft, hinter der ich selbst seit Jahren warte.

Er hat mich berührt. Nicht mit großen Worten. Tiefer. An einem Ort, den ich kaum noch kannte.

Und ich erschrak beinahe darüber.

Denn ich glaube, ich habe mich so sehr daran gewöhnt, mein Leben zu verstehen, zu ordnen, zu verbessern, dass ich vergessen habe, es einfach zu leben.

Immer noch ein System.
Noch eine Gewohnheit.
Noch eine Messung.
Noch ein Versuch, mich selbst in den Griff zu bekommen.

Und plötzlich frage ich mich:

Ist das wirklich Freiheit?

Oder ist meine ganze Optimierung manchmal nur eine feinere Form von Kontrolle?

Du hättest darüber vermutlich gelacht.

Du, der du früher einfach da warst.

Du hast nicht gefragt, ob ein Augenblick produktiv war. Du hast ihn erlebt. Du hast Menschen angesehen. Du hast dich begeistern lassen. Du hast geliebt, ohne daraus ein Projekt zu machen.

Wo bist du hin?

Oder vielmehr: Wo habe ich dich hingebracht?

Ich fürchte, ich habe dich Stück für Stück versteckt.

Aus Angst.
Aus Anpassung.
Aus dem Wunsch, richtig zu sein.
Nicht aufzufallen.
Nicht zu enttäuschen.

Ich habe gelernt zu beobachten, was von mir erwartet wird, und mich danach zu formen.

Und während ich immer besser darin wurde, nach außen zu funktionieren, wurdest du in mir immer leiser.

Vielleicht habe ich dich nicht verloren.

Vielleicht habe ich dich nur betäubt.

Das ist ein tröstlicher Gedanke.

Denn dann muss ich dich nicht neu erschaffen.

Ich muss nur lernen, dir wieder zuzuhören.

V. hat mir etwas gezeigt, das ich kaum in Worte fassen kann: dass ich nicht immer zuerst verstehen muss. Dass ich fühlen darf, bevor ich analysiere.

Wie fremd mir das geworden ist.

Ich möchte wieder Menschen in mein Herz lassen, ohne sie festzuhalten.

Umarmen. Küssen. Da sein.

Und sie dennoch frei lassen.

Vielleicht beginnt Freiheit genau dort: nicht darin, alles bestimmen zu können, sondern nicht mehr alles bestimmen zu müssen.

Ich will vergeben.

Anderen vielleicht.

Aber vor allem mir selbst.

Für all die Jahre, in denen ich glaubte, anders sein zu müssen.

Für die Momente, in denen ich dich verleugnet habe.

Für meine Strenge mit mir selbst.

Und für diesen endlosen Versuch, mich zu reparieren, obwohl vielleicht gar nichts repariert werden musste.

Lieber Harry, ich möchte wieder lernen, in die Augen zu schauen.

Zu beobachten, ohne sofort zu urteilen.

Zu fühlen, ohne sofort eine Erklärung zu suchen.

Zu verstehen, ohne alles kontrollieren zu wollen.

Zu vergeben.

Loszulassen.

Und dann zu leben.

Vielleicht ist das alles.

Vielleicht ist das sogar mehr als genug.

Es wird Zeit.

Nein.

Es ist Zeit.

Danke.

Dein
C.